36 Jahre nach der Wiedervereinigung klafft zwischen Ost- und West-Rentnern weiterhin eine erhebliche Einkommenslücke. Rentner in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben im Schnitt mehrere Tausend Euro weniger Einkommen im Jahr zur Verfügung als Rentner in den West-Bundesländern. Das zeigen neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes — und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) schlägt angesichts geplanter Rentenreformen Alarm.
Die Zahlen: So groß ist der Unterschied
Laut Statistischem Bundesamt bekamen im vergangenen Jahr Frauen und Männer ab 65 Jahren in Sachsen im Schnitt 25.202 Euro. In den westdeutschen Bundesländern liegt dieser Wert deutlich höher — die Differenz beläuft sich im Jahresschnitt auf mehrere Tausend Euro pro Person.
Die Daten wurden vom Bündnis Sahra Wagenknecht beim Statistischen Bundesamt abgefragt und anschließend öffentlich gemacht. Sie belegen, dass trotz jahrzehntelanger Rentenangleichungen zwischen Ost und West die strukturelle Einkommenslücke im Alter nach wie vor besteht.
Wagenknecht: „Von einer Renteneinheit meilenweit entfernt“
BSW-Chefin Sahra Wagenknecht kommentierte die Zahlen mit deutlichen Worten. „Das ist für Ostrentner ein skandalöser Rückstand. Von einer Renteneinheit sind wir auch 36 Jahre später meilenweit entfernt“, sagte Wagenknecht der Deutschen Presse-Agentur.
Wagenknecht machte dabei auf einen strukturellen Unterschied aufmerksam, der die Situation der Ost-Rentner besonders verwundbar macht: Anders als viele West-Rentner, die neben der gesetzlichen Rente oft über betriebliche oder private Altersvorsorge verfügen, sind Rentner in den neuen Bundesländern in der Regel ausschließlich auf die gesetzliche Rente angewiesen.
Warnung vor der geplanten Rentenreform
Besondere Brisanz erhält das Thema vor dem Hintergrund der aktuellen Reformpläne der Bundesregierung. Die Bundesregierung plant noch in diesem Jahr eine große Rentenreform. Bis zur Sommerpause soll dazu eine Expertenkommission Vorschläge erarbeiten.
Das BSW warnt eindringlich davor, das Rentenniveau im Zuge dieser Reform zu senken. „Sollte die Bundesregierung nach den Plänen der Rentenkommission jetzt auch noch das Rentenniveau kürzen, dann wäre das vor allem auch ein Schlag gegen Ostrentner, weil sie in der Regel nur die gesetzliche Rente haben“, argumentierte Wagenknecht.
BSW droht mit Protesten und Volksabstimmung
Sollte es tatsächlich zu einer Absenkung des Rentenniveaus kommen, kündigt Wagenknecht politischen Widerstand an. Sollte das so kommen, werde das BSW „zu Rentenprotesten aufrufen und die Ostwahlen zur Volksabstimmung gegen die Rentenreform machen“.
Die Ankündigung ist politisch bedeutsam: In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen stehen in den kommenden Jahren Landtagswahlen an — eine Mobilisierung der Rentner gegen die Bundesregierung könnte die politischen Kräfteverhältnisse in der Region erheblich verschieben.
Wirtschaftsweise warnen vor steigenden Sozialbeiträgen
Parallel zur Rentendebatte meldeten sich auch die Wirtschaftsweisen zu Wort. Am Mittwoch legten die Wirtschaftsweisen ihr Frühjahrsgutachten vor, darin warnten sie vor einem Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge in den nächsten Jahren. Reformbedarf sehen sie vor allem bei den Krankenkassen und der Pflege — auch da will die Regierung rangehen.
Die Kombination aus drohendem Rentenniveauverlust, steigenden Krankenkassenbeiträgen und ohnehin niedrigerem Ausgangseinkommen trifft Ost-Rentner damit gleich mehrfach. Für viele ältere Menschen in den neuen Bundesländern könnte das eine spürbare Verschlechterung ihrer Kaufkraft bedeuten — und das nach einem Leben voller Arbeit.
Warum verdienen Ost-Rentner bis heute weniger?
Der Hintergrund der Einkommenslücke ist historisch bedingt: In der DDR lagen die Löhne strukturell unter dem West-Niveau. Da die gesetzliche Rente auf den eingezahlten Beiträgen — und damit indirekt auf dem Lohnniveau — basiert, setzt sich diese Ungleichheit bis ins Rentenalter fort. Hinzu kommt, dass betriebliche Altersvorsorge in der DDR kaum verbreitet war und private Rentenvorsorge nach der Wende für viele Menschen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten schlicht nicht leistbar war.
Trotz mehrfacher Rentenanpassungen, die prozentual im Osten stärker ausfielen als im Westen, konnte die absolute Einkommenslücke bislang nicht geschlossen werden. Wie die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, bleibt das Thema auch im Jahr 2026 ungelöst — und politisch hochbrisant.

