Kein Antrag, keine Abstimmung, keine öffentliche Debatte – und trotzdem mehr Geld. Ab dem 1. Juli 2026 erhalten die 630 Abgeordneten des Deutschen Bundestages knapp 500 Euro mehr im Monat. Automatisch. Und genau das bringt viele Menschen in Deutschland gerade auf die Palme.
Was wird erhöht – und um wie viel?
Die monatliche Grundentschädigung der Bundestagsabgeordneten steigt zum 1. Juli von bisher 11.833,47 Euro auf 12.330,48 Euro brutto. Das entspricht einem Plus von 4,2 Prozent – und damit überschreiten die Parlamentarier erstmals die Marke von 12.000 Euro im Monat.
Zusätzlich zur Grundentschädigung erhalten Abgeordnete steuerfreie Kostenpauschalen für Büro und Reisen sowie eine eigene Altersversorgung: Pro Mandatsjahr werden 2,5 Prozent der Diäten als Rentenanspruch erworben. Nach einer vollen Legislaturperiode von vier Jahren entspricht das bereits zehn Prozent der Aktivbezüge.
Wie funktioniert der Automatismus?
Die Grundlage ist das Abgeordnetengesetz, das seit 2014 eine automatische Kopplung der Diäten an die allgemeine Lohnentwicklung vorschreibt. Maßstab ist der Nominallohnindex des Statistischen Bundesamts. Da die Löhne in Deutschland im Jahr 2025 um 4,2 Prozent gestiegen sind, klettert auch die Abgeordnetenentschädigung um genau diesen Wert.
Eine Abstimmung im Plenum ist dafür nicht nötig. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner muss die Erhöhung lediglich als Drucksache veröffentlichen – dann wird sie automatisch wirksam.
Der Mechanismus wurde im vergangenen Jahr mit den Stimmen von Union, SPD und Grünen für die gesamte Legislaturperiode erneuert. AfD und Linke stimmten dagegen.
Wer profitiert am meisten?
Besonders ins Auge fällt die Situation von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner: Als Amtsträgerin bezieht sie eine zweite Diät als Amtsgehalt neben ihrer regulären Abgeordnetenentschädigung. Beide steigen prozentual – das macht für sie ab Juli ein Plus von knapp 1.000 Euro monatlich, auf insgesamt rund 24.661 Euro.
Ähnliches gilt für andere Funktionsträger im Bundestag, die mehrere Bezüge kombinieren.
Wer kritisiert – und warum?
Die Kritik kommt von mehreren Seiten gleichzeitig – und das ist ungewöhnlich.
CDU-intern: Der Abgeordnete Wilhelm Gebhard forderte einen Stopp der Erhöhung. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten müsse die Politik selbst Zurückhaltung zeigen. Die automatische Gehaltserhöhung für Volksvertreter sende gerade jetzt das falsche Signal.
Die Linke: Die Partei lehnt die Erhöhung grundsätzlich ab. Fraktionsgeschäftsführerin Ina Latendorf erklärte, es bestehe dringender Reformbedarf – und verwies darauf, dass der Bundestag gleichzeitig eine stärkere Erhöhung des Mindestlohns verhindere.
Bürgerinnen und Bürger: Plattformen wie Abgeordnetenwatch registrieren erhebliches Unverständnis in der Bevölkerung. Die Stimmung lässt sich auf einen Nenner bringen: Während Sozialeinsparungen diskutiert und Bürger mit Mehrbelastungen konfrontiert werden, erhöht sich die Politik still und automatisch ihr eigenes Gehalt.
Was sagen die Befürworter?
Union und SPD verteidigen das Verfahren. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Steffen Bilger, erklärte: Der Mechanismus schaffe Transparenz und Nachvollziehbarkeit – und schließe politische Eigeninteressen bei der Festlegung der Diäten aus. Auch Senkungen seien möglich, wenn die Löhne sinken.
SPD-Fraktionsgeschäftsführer Dirk Wiese betonte, man halte aus guten Gründen daran fest, nicht mehr selbst über die Höhe der Diäten abzustimmen. Der Automatismus solle genau die Debatte über politische Selbstbedienung verhindern.
Das eigentliche Problem: Timing und Vertrauen
Technisch ist der Mechanismus nachvollziehbar. Die Abgeordnetenentschädigung soll sich an der Lohnentwicklung orientieren – das ist keine unvernünftige Grundidee.
Das Problem ist das Timing. Die Erhöhung fällt in eine Phase, in der die Bundesregierung Reformen im Sozialstaat plant, die mit Einsparungen und Mehrbelastungen für die Bevölkerung verbunden sind. Gleichzeitig debattiert der Bundestag über einen Haushalt unter Spardruck.
Für viele Menschen ist der Automatismus nicht das Gegenteil von Selbstbedienung – sondern ihre modernste Form.

